Erfahrungen mit Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung am Arbeitsplatz

In einigen Unternehmen ist sie bereits umgesetzt, andere stehen noch am Anfang. Für viele jedoch löst der Begriff »Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung« auch 3 Jahre nach der Festschreibung im Arbeitsschutzgesetz noch Fragezeichen, Stirnrunzeln oder Reaktionen wie „Was sollen wir noch alles tun?“ aus. Was bedeutet das Thema eigentlich? Und: soll man sich jetzt mit der Psyche jedes einzelnen Mitarbeiters befassen?

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung

Im Prinzip beschreibt der Begriff „Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz“ einen fortlaufenden Prozess, in dem Tätigkeitsbereiche über Fragenbogen, Interviews oder Workshops auf psychische Risiken geprüft werden und entsprechende Maßnahmen zur Veränderung der Rahmenbedingungen definiert und eingeleitet werden.

Viel Bekanntes, einige Neuerungen

Unternehmen, die wir bei der Umsetzung begleitet haben, stellten fest:
– Eigentlich ist das nicht so viel Neues, sowohl Themen der Analyse als auch Formate und Prozesse sind bekannt.
– Mit der Nutzung von Tools wie z.B. Mitarbeiterbefragung sowie der Ergebnisbearbeitung in Workshops werden bereits vorhandene Aktivitäten gebündelt und damit effektiver.

Wirklich neu sind:

  • Das gewonnene Verständnis möglicher Belastungen in einzelnen Tätigkeitsbereichen. So sind zum Beispiel die möglichen Belastungen im Callcenter andere als im Projektmanagement oder im Vertrieb, und dies unabhängig von den Personen, die in diesen Funktionen arbeiten. Das Stresserleben allerdings ist und bleibt subjektiv. Aber es gibt bestimmte Prozesse einer Tätigkeit, z.B. die Menge der eingehenden telefonischen Beschwerden pro Team, die vom Unternehmen verbessert werden können.
  • Die eingeplante Kontrolle der Wirksamkeit der Maßnahmen, die verbindliche Dokumentation sowie ergänzende Audits durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Herausforderung: Die Skepsis zu Beginn

Viele Mitarbeiter nehmen die Zunahme an Kollegen, die mit psychischen Überlastungen zu kämpfen haben, wahr. Und es ist unklar, wie der Prozess der Gefährdungsbeurteilung hier Abhilfe schaffen kann. Personaler und Verantwortliche sind häufig unsicher, wie der Prozess aufgesetzt werden sollte und welche Methoden sinnvoll sind.

Die Analyse psychischer Belastungen ist – auch für viele Arbeitsschutz-Workshop Gefährdungsbeurteilung psychischer BelastungExperten – Neuland.
Und: Manchmal gibt es Blockaden zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Vertreter, die sich auf ihre Positionen zurückziehen. Wenn dann klar wird, dass es um Prävention, um ein Risikomanagement von Bedingungen der Tätigkeit geht, ist die erste Hürde genommen. Eine Kickoff-Veranstaltung für alle Projektmitarbeiter um Ziele, Prozesse und Verantwortlichkeiten – auch der Führung – zu durchdenken ist hier sehr wertvoll.

Ergebnisse und Maßnahmen: Machbar, einfach, wirksam

Hat die Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen statt gefunden, werden Maßnahmen entwickelt und priorisiert, um diesen entgegenzuwirken. Dies sind oft einfache Themen, die im Alltag leicht umsetzbar sind. Dennoch scheint das Instrument der Gefährdungsbeurteilung wichtig zu sein um die Berechtigung für solche Maßnahmen ganz klar auszudrücken.

Ein Quick-Win, der immer wieder benannt wird, ist die Qualität und Quantität von Teambesprechungen. Das Thema ist wahrlich nicht neu, im Hinblick auf psychische Gesundheit erhält es aber eine zusätzliche Dimension. Und wenn mit einer neuen Disziplin bei der Einhaltung der festgelegten Dauer einer Teambesprechung, weniger Hektik, dafür mehr Konzentration auf ein Thema sowie Zeit für Pausen bleibt, gewinnen alle. Die Qualität der Ergebnisse steigt und die Stressbelastung sinkt. Jetzt könnte man die Frage stellen, ob für so eine „Kleinigkeit“ ein so massives Instrument wie die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nötig ist? Anscheinend schon, sonst wäre dieses „kleine“ Thema kein Dauerbrenner.

Unterbrechungen bei der Tätigkeit sind Risikofaktor für Überlastung

Auch die Problematik Unterbrechungen bei der Arbeit kann kostenintensiv, frustrierend, psychisch belastend und zu erhöhten Stress-Werten und Fehlerquoten führen. Respekt wenn Kollegen in ihrem Kalender Zeitfenster für die Fertigstellung einer Arbeit reservieren, räumliche Rückzugsmöglichkeiten und Selbstkontrolle, um das Email-Postfach für eine bestimmte Zeit in Ruhe zu lassen sind Maßnahmen um diese Problematik zu reduzieren.

Gefährdungsbeurteilung als Katalysator

Sie sehen: Viele der Maßnahmen zur Reduzierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz mit geringem Zeitaufwand und kleinem Budget umsetzbar. Oft werden diese Möglichkeiten aber unterschätzt, nicht wahrgenommen oder nicht priorisiert.

Eine strukturierte Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen hilft, diese Themen strukturiert zu bewerten und gezielt so umzusetzen, dass die Menschen im Unternehmen leichter, produktiver und stressfreier arbeiten. Es lohnt sich.

von |8 September 2016|Organisationsentwicklung|